Den Boden unserer Demokratie heilen

Lesedauer: 4 Minuten

Aus dem Englischen von Anja Wagner

In diesem Stück pflanzt Stephen Leitheiser (RECOMS-Stipendiat) die Probleme der heutigen Welt in einen landwirtschaftlichen Kontext und denkt über Demokratie, Gemeinschaften und Unkraut nach.

Nachdenken über uns und Unkräuter

Es wird mir immer klarer, dass wir alle eine Menge Arbeit vor uns haben. Da ich im vergangenen Jahr nicht nach Hause reisen konnte, habe ich aus der Ferne beobachtet, wie meine Mitbürger zunehmend verletzt, gespalten, verängstigt und wütend wurden. Wie können wir inmitten des Chaos, das uns als solches erscheint, überhaupt anfangen zu heilen? Wie können wir eine Gemeinschaft aufbauen?

Einen Großteil der letzten zwei Jahre verbrachte ich damit, über die Schnittmengen von Gemeinschaft, Demokratie und Nahrung nachzudenken. Ich beschäftigte mich mit diesen Fragen und schaute dabei natürlich auf den Boden und fand eine Metapher in der Art und Weise, wie die industrielle Landwirtschaft mit „Unkraut“ umgeht. Ich will euch diesen Zusammenhang hier versuchen zu erklären.

Ein „Unkraut“ ist eine unerwünschte Pflanze, die im Boden auftaucht. Das Wort ist mit einem Ärgernis verbunden. Jeder, der schon einmal mühsame Stunden in der Sonne verbracht hat, um Unkraut zu jäten, gehört vielleicht zu denjenigen, die sich wünschen, dass es Unkraut einfach nicht gäbe.

Für viele industrielle Landwirte ist dieser Wunsch in Erfüllung gegangen. Mit der Erfindung der chemischen Herbizide gehörte die mühsame Arbeit des Unkrautjätens der Vergangenheit an. Statt einer andauernden lästigen Arbeit konnte Unkraut schnell und effizient bekämpft werden. Einfach das Feld besprühen, um alles Unkraut abzutöten, und nur die gewünschten Pflanzen würden wachsen. Endlich könnte ein unkrautfreier Boden, eine kontrollierte Monokultur, in der nur Haupt-Pflanzen (sogenannte cash-crops) wachsen würden, Realität werden. 

Der Krieg gegen Unkraut

Das funktionierte eine Zeit lang ganz gut. Doch mehr und mehr Menschen wurden sich der Konsequenzen dieses engstirnigen Patentrezeptes im Kampf gegen Unkraut bewusst. Diese Methoden haben nicht nur immense Umweltschäden verursacht, sie haben auch dafür gesorgt, dass das Problem in einer stärkeren Form wieder auftaucht. Superunkräuter – „Frankenstein-Pflanzen“, die sich so entwickelt haben, dass sie den chemischen Herbiziden widerstehen können – sind mit voller Wucht zurückgekehrt. Sie sind größer, haben tiefere Wurzeln und sind oft schwieriger zu entfernen, so dass noch mehr chemische Herbizide benötigt werden, um sie zu vernichten, was letztlich zu mehr Nebenwirkungen führt. Das Ergebnis ist eine positive Rückkopplungsschleife. Herbizide schaffen die Voraussetzungen für mehr resistente Unkräuter, die wiederum stärkere Herbizide erfordern, und so weiter.

Aus einer ganzheitlichen Perspektive ist „Unkraut“ einfach ein Wort, das wir erfunden haben, um Pflanzen zu beschreiben, die wir nicht mögen, oder besser gesagt, nicht verstehen. 

Es ist eine Pflanze, die unter bestimmten Bodenbedingungen wächst. In einem Vakuum, in dem wir nur versuchen, eine Kulturpflanze anzubauen, dient Unkraut dazu, beschädigte oder tote Böden zu heilen. Wir können sie als den Versuch der Natur betrachten, das Leben, die Artenvielfalt und das Gleichgewicht wiederherzustellen. Mit anderen Worten: Sie sind ein Symptom und nicht die Ursache für ein Ökosystem, das aus dem Gleichgewicht geraten ist.

Vielleicht siehst du inzwischen, worauf ich hinaus will. Der Ansatz, zu versuchen, das wahrgenommene Problem zu beherrschen und zu kontrollieren – Macht über die Natur zu haben – ist nicht nur auf Dauer unwirksam, sondern letztlich selbstzerstörerisch. In dem Bestreben, den Feind zu zerstören, zerstören wir am Ende auch uns selbst.

„Die Anderen“ – das Problem?

Im vergangenen Jahr ist es immer einfacher geworden, unsere Mitbürger – diejenigen, die eine andere Weltanschauung haben; diejenigen, die den Bezug zur Realität verloren haben; diejenigen, die in Wut oder Angst um sich schlagen – als „Unkraut“ zu betrachten. In einem Moment der Verzweiflung mag sich die schnelle Lösung des Rückzugs und der Vermeidung – oder sogar physische Gewalt und Zensur – wie die beste Option anfühlen. Wenn wir nur „die Anderen“ loswerden könnten oder staatliche Macht und Zwang einsetzten, um sie und ihre schlechten Ideen daran zu hindern, Wurzeln zu schlagen, könnte vielleicht alles wieder ins Gleichgewicht gebracht werden.

Aber wie wir beim Unkraut gesehen haben, löst dieser Ansatz das Problem nicht – auch nicht mit der Zeit. Er macht es schlimmer. Unkraut wird zu Super-Unkraut. Misstrauen und Uneinigkeit werden zu Hass. Risse werden zu Abgründen. Welches „Unkraut“ wir auch immer in unseren Mitbürgern, in unseren Nachbarn sehen mögen – egal wie hässlich sie uns erscheinen mögen – sie sind nicht das eigentliche Problem. Sie sind das Symptom. Sie sind ein Ausdruck des Bodens – der sozialen, kulturellen und wirtschaftlichen Bedingungen –, in dem die Demokratie leblos geworden ist.

Gemeinschaft bilden und halten bedeutet Arbeit

Tatsache ist, dass die Aufrechterhaltung einer Gemeinschaft demokratischer Politik, genau wie die Aufrechterhaltung eines Bauernhofs, harte Arbeit ist. Demokratische Bürger müssen informiert werden – und zwar kritisch. Wir müssen schwierige und schmerzhafte Debatten und Diskussionen mit Mitbürgern führen, die die Dinge anders sehen. Wir müssen herausfinden, wo unsere blinden Flecken sind. Wir müssen auf die schauen, die wir vielleicht bedauern, und versuchen, sie zu verstehen. Wir müssen uns über die Wahlen alle vier Jahre hinaus aktiv engagieren, nicht nur auf nationaler Ebene, sondern auch auf lokaler Ebene. Die Demokratie lebt und atmet in freundlichen (aber hitzigen) Auseinandersetzungen und unabhängigen Medien; in genossenschaftlichen Unternehmen und lokalen Geschäften; in Land Trusts (Landstiftungen), Kreditgenossenschaften, Kirchengruppen, Vereinen, Bürgerräten und Schulausschüssen. Der Fehler war, jemals zu denken, dass es eine schnelle Lösung gibt, die uns von dieser Not der Gemeinschaft befreien würde.

Gleichgewicht und wahre Demokratie

Professionelle Lobbyisten, Massenmedien, „der Markt“ oder Berufspolitiker, die Politik für uns machen zu lassen, ist wie der Einsatz von Herbiziden, um die Arbeit loszuwerden, die zur Erhaltung eines gesunden Ökosystems auf dem Bauernhof erforderlich ist. Ein enges Spektrum an Ideen und Werten ist wie eine Monokultur im Boden. Sie ist zerbrechlich und verletzlich. So wie der Boden ein Gleichgewicht von Pilzen, Bakterien, Einzellern und Fadenwürmern braucht, um Unkraut fernzuhalten, braucht eine gesunde politische Gemeinschaft ein Gleichgewicht von verschiedenen Menschen, verschiedenen Institutionen und verschiedenen Gedanken und Ideen, um zu funktionieren.

Wahre Demokratie ist eine lebendige, atmende Gemeinschaft, an der sich jeder beteiligt.

Unsere Antworten können nicht in irgendeinem simplen Heilsbringer gefunden werden – im kapitalistischen Markt, im sozialistischen Staat. Sie können auch nicht in den Parteien […] gefunden werden. Jede von ihnen enthält Teilwahrheiten, die nur durch Versöhnung und durch die mühsame Arbeit der demokratischen Bürgerschaft ins Gleichgewicht kommen können. Eine Möglichkeit, damit zu beginnen, wäre ein ruhiges Gespräch mit jemandem, mit dem man nicht einverstanden ist, während man sich im Zuhören und in Geduld übt.

Obwohl der Aufbau einer Gemeinschaft harte Arbeit ist – ist es nicht noch schwieriger, ins Chaos abzurutschen? Machen wir uns an die Arbeit!

Originaltext von Stephen Leitheiser, Universität Groningen

Der Beitrag wurde ursprünglich auf dem Blog von Transforming Places veröffentlicht.

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