Krankenhaus heute

Lesedauer: 12 Minuten

Wir suchen ein Krankenhaus auf, wenn wir Hilfe brauchen. Oft haben wir Angst, fühlen uns überfordert oder haben schlicht Schmerzen und sehnen uns nach Sicherheit.
Wir hören regelmäßig in den Nachrichten, dass wir unsere Krankenhäuser entlasten müssen. Aber warum ist unser Gesundheitssystem überlastet? Und was können wir als einzelner dagegen tun? Wie kann jeder von uns helfen überlastete Pfleger zu unterstützen. Und sich selbst stark und unabhängig auf das Alter vorbereiten. Wir haben zu diesem Thema einen Krankenpfleger* befragt.

Gewinnmaximierung um jeden Preis wird oft als ein Problem in unseren Krankenhäusern genannt. Wie verdienen Krankenhäuser denn Geld?

Bis 2003 verdiente ein Krankenhaus pro Tag pro Patient einen Pauschalbetrag. Dies führte dazu, dass es sich in Deutschland lohnte, einen möglichst pflegeleichten (Therapie-fortgeschrittenen) Patienten möglichst lange auf der Station zu behalten. Die sogenannte Verweildauer der Patienten war dementsprechend hoch im internationalen Vergleich.

Um die Verweildauer und somit die Kosten des Gesundheitssystems zu senken, wurden 2004 die DRGs eingeführt. Die Diagnose Related Groups sollten zu einer Leistungsorientierung im Gesundheitswesen führen, also zu einem gezielten und sparsamen Einsatz der monetären Ressourcen unserer Gesetzlichen Krankenversicherung.

 

Was genau sind die DRGs? 

Die DRGs, auch „Fallpauschalen“ genannt, schrieben vereinfacht ausgedrückt dem Krankenhaus einen gewissen Geldbetrag für die Behandlung eines Patienten zu. Dieser setzt sich aus der Diagnose, der Nebendiagnose sowie der erbrachten Leistung (z.B. OP) zusammen.

Dabei ist egal, ob der Patient drei oder zehn Tage auf der Station liegt. 

Was bedeutet das finanziell für ein Krankenhaus? 

Die DRGs werden in 3 Zeiten eingeteilt:

Untere Verweildauer = der Patient darf z.B. in den ersten 2 Tagen nicht entlassen werden, sonst wird Geld von der Fallpauschale abgezogen.

Mittlere Verweildauer = hier sollte der Patient entlassen werden, damit das Krankenhaus den maximalen Gewinn erzielt. 

Obere Verweildauer = das Krankenhaus macht ab jetzt jeden Tag Verlust mit dem Patienten – er muss raus. 

Die Ampel springt wortwörtlich auf Rot – in der elektronischen Akte ist eine Ampel neben dem Namen des Patienten zu sehen.

Seit 2020 ist die Krankenhausvergütung auf eine Kombination von Fallpauschalen und Pflegebudget umgestellt. Die Pflege ist also nicht mehr nur noch ein reiner Kostenfaktor, sondern bringt dem Träger auch einen gewissen Geldbetrag ein.

Diese Umstellung der Finanzierung hat zu kürzeren Verweildauern, mehr Transparenz und mehr Wirtschaftlichkeit in deutschen Krankenhäusern geführt.

 

Was bedeutet das für das Personal und die Patienten? 

Zur Steigerung der Prozessoptimierung durch die DRGs kam auch die Gewinnmaximierung durch Privatisierung in unsere Krankenhäuser. 

Es ist am lukrativsten, möglichst viele Patienten möglichst schnell und möglichst günstig zu versorgen. Das bedeutet ständig wechselnde Patienten, konstante Bettenbelegung, frühe Entlassungen und viele pflegeintensive Patienten, die nach der OP nur wenige Tage auf der Station verbringen. Sobald sie etwas weniger pflegeintensiv sind, werden sie entlassen und durch eine neue OP ersetzt. Früher waren Patienten länger im Krankenhaus, dementsprechend gab es mehr „Selbstversorger“. 

Auch eine Intensivstation lohnt sich hauptsächlich dann, wenn wir möglichst viele möglichst therapie-intensive Patienten haben. Eine vollständige Auslastung ist also zu jeder Zeit auf jeder Station das Ziel.

Die Intensivstationen waren bereits vor Corona überlastet. Wir erleben immer wieder Zeiten, in denen der Aufwachraum zur Überwachungsstation wird oder Patienten zu früh auf die Normalstation bzw. zu spät auf die Intensivstation verlegt werden müssen. Dies liegt meist nicht an zu wenigen Betten, davon haben wir genug. Das Personal fehlt. Aber wenn wir ganz ehrlich sind: Wer wählt denn einen Beruf, bei dem man doch nichts verdient, der doch viel zu anstrengend ist oder vor dem man sich sogar ekelt –  sowas könnte ich nicht?

 

Wie beeinflusst die Prozessoptimierung die Therapie des Einzelnen? 

Da versucht wird, mit möglichst geringen Mitteln einen möglichst hohen Umsatz zu erzielen, beeinflusst sie die Therapie in diversen Punkten.

Nennenswert ist zum Beispiel die Arbeitslast des Personals. Meist muss die Pflegekraft den Überblick über bis zu 15 Patienten halten. Bei Krankheitsfällen oder Nachtschichten bis zu 30. 

In der Pflege haben wir in Deutschland die Branche mit den meisten und längsten krankheitsbedingten Ausfällen. Neben der täglichen Pflege, Dokumentation, Visiten und der Begleitung von Auszubildenden kommen zahlreiche Entlassungen und Neuaufnahmen hinzu. Die jeweils wieder einen hohen Planungs- und Dokumentations -Aufwand bedeuten. Je länger man einen Patienten kennt, desto bedarfsgerechter und nachhaltiger kann die Pflege sein. Aber dazu kommt es kaum noch. 

Um dem Problem der Überlastung des Einzelnen zu begegnen, wurden 2019 die Pflegepersonal-Untergrenzen eingeführt. Diese haben in vielen Abteilungen leider dazu geführt, dass aus Kostengründen Servicekräfte entlassen wurden und die Pflege diese Aufgaben wieder übernehmen musste – Essen austeilen, Getränke bereitstellen. 

Alles in allem führt die voranschreitende Ökonomisierung des Gesundheitswesens dazu, dass an den meisten Tagen nach „Schema F“ gearbeitet wird.

 

Was bedeutet „Schema F“ in der Pflege?

Die nötigste Grundpflege, die nötigsten Körperpflege, Verbände und Medikamente sind am Ende der Schicht gemacht, die Neuaufnahmen sind wenigstens einmal durchgemessen und haben etwas zu trinken, die Dokumentation ist lückenlos, und alle waren bei ihren Untersuchungen. Das Individuum wird dabei schnell zu „Zimmer 14“, in dem noch die Antibiose, Thrombosespritze und die Schutzhose gemacht werden müssen. Menschlichkeit bleibt dabei leider oft auf der Strecke, gerade bei Kollegen, deren Motivation verloren gegangen ist. So wird teils unempathisch, weder individuell noch bedarfsgerecht nur die notwendigste Pflege durchgeführt. Selbst wer so schnell und strukturiert er kann arbeitet, kann in den seltensten Fällen all seinen Patienten eine optimale Pflege zuteil werden lassen. 

Uns fehlt die Zeit für Spaziergänge mit den Patienten, sie an die frische Luft zu bringen, mit ihnen zu sprechen, ihnen die Einsamkeit zu nehmen, ihre Bedürfnisse zu erfahren, Bewegungsübungen durchzuführen, sie zu beraten und ihnen überhaupt zu erklären, was in ihrem Körper gerade passiert. 

Wir sind teils in schematischen Vorgehensweisen so sehr gefangen, dass wir nicht mehr sehen, welches Potenzial unsere Tätigkeit hat. Wir Pflegekräfte haben Grundwissen und Einblicke in jeden Bereich der Therapie des Patienten, wir sind rund um die Uhr der erste Ansprechpartner. Im Notfall sind wir als erstes da, auf dem letzten Weg sitzen wir am Bett. Beim ersten Windelwechseln unterstützen wir die strahlenden und total fertigen Eltern. In den schlimmsten Lebenskrisen haben wir ein offenes Ohr. Wir stützen den Arm bei den ersten Schritten nach einer Krankheit. Wir sehen, welche Medikamente Nebenwirkungen haben. Wie nehmen Schmerzen und Übelkeit. Wir beraten und beugen vor. Vom ersten Schrei bis zum letzten Atemzug können wir helfen. Doch heute ist unsere Arbeit leider oft nur noch routinemäßig und davon geprägt, irgendwie zu versuchen an alles zu denken.

 

Wie sieht der Alltag eines Pflegers heute aus? Oft sieht man die Pflegekraft ja nur wenige Minuten, wenn man selbst im Krankenhaus liegt. Ist da wirklich so wenig Zeit für den einzelnen?

Eine pauschale Aussage ist schwer zu treffen, die Unterschiede sind von Fachbereich zu Fachbereich und Einrichtung zu Einrichtung sehr groß. Gemeinsam haben wir jedoch meist kräftezehrende Dienstpläne. Wir arbeiten im Drei-Schicht-Dienst: von 5:45 bis 14:15 Uhr ist der Frühdienst, der Spätdienst von 12:45 bis 21:15 Uhr und der Nachtdienst von 20:30 bis 6:30 Uhr. 

Wer Vollzeit arbeitet, hat oft alle drei Schichten innerhalb einer Woche. In vielen Bereichen sind Spät-Früh-Wechsel längst zur Gewohnheit geworden. Durch häufiges Einspringen sind Arbeitstage von teils 14 Tagen in Folge normal. Die konstanten Schichtwechsel führen zu zu wenig Schlaf und Ruhe und erzeugen so noch zusätzlichen Stress. 

Ein gewöhnlicher Dienst beginnt mit der Übergabe der Patienten. Im Anschluss der erste Durchgang, der bis zum Frühstück fertig sein muss. Die Arbeitslast differiert hierbei stark durch das Patientenklientel. Wer sich allerdings Zeit nimmt für den Einzelnen, muss dies auf Kosten der Dokumentation tun. Nach dem Frühstück wird, wenn eigentlich Pause ist, möglichst die Dokumentation der Vitalzeichen nachgeholt. 

Ab neun Uhr werden die Verbandswechsel, Körperpflegen, Visiten, Mobilisationen, Medikamentenvergaben, Entlassungen, Neuaufnahmen und Untersuchungen koordiniert. Je mehr Neuaufnahmen und Entlassungen man dabei bekommt und je mehr Patienten die Zimmer tauschen müssen, desto schwerer wird es, den Überblick zu behalten, alle Maßnahmen durchzuführen, sich für den Einzelnen Zeit zu nehmen und den Anordnungen der Ärzte nachzukommen. 

In meinen Augen führt dies teils zu gefährlicher Pflege. Wer 15 Patienten betreut, von denen vier Neuaufnahmen sind, kommt kaum noch hinterher. Bis zwölf muss dann alles erledigt sein, damit das Mittagessen ausgeteilt und angereicht werden kann. Kommt ein Notfall dazwischen, leidet die Pflege aller weiteren Patienten darunter. 

Zu den wichtigsten Dingen kommt das Ablaufen der Klingel, Getränke bringen, zur Toilette begleiten, Schutzhosen und Bettbezüge wechseln. Nach dem Mittagessen hat man eine halbe Stunde Zeit zu dokumentierten. Das bedeutet genaues Abhaken und Anlegen der Pflegemaßnahmen und das Schreiben des Verlaufsberichts bei jedem Patienten. Die Aufnahmebögen der vier Neuaufnahmen zu erledigen – willst du diese gründlich machen, brauchst du zwischen 10–30 Minuten pro Aufnahme. In dieser Zeit bleibt kaum die Möglichkeit, eine bedarfsgerechte, evidenzbasierte, zielorientierte Pflegeplanung für den Einzelnen zu verfassen. Es bleibt auch keine Zeit, den Menschen die Einsamkeit zu nehmen. 

Früher haben wir die Angehörigen oft als zusätzliche Personen / als zusätzliche Belastung empfunden. Heute nach über einem Jahr Corona wird deutlich, wie sehr sie fehlen. Viele Patienten sind einsam. Sie sehen nur noch weiße Wände, weiße Kittel, piepsende Geräte und Masken. In Ausnahmefällen sind mal 30 Minuten Besuch erlaubt. Vergangene Woche erst vergrub eine ältere Dame weinend ihren Kopf in meinen Armen. Sie vermisste ihre Familie – sie hatte Schmerzen vor Einsamkeit.

Im Sterben liegende Menschen sehen nur noch einen Angehörigen, und dieser ist vermummt. Bis vor Corona sprachen wir noch von den ernstzunehmenden psychischen und gesundheitlichen Folgen der Isolation eines Patienten. Heute sind ALLE mehr oder weniger isoliert. Von den Folgen will niemand mehr etwas wissen.

Neben der Einsamkeit fehlen auch die Angehörigen für Spaziergänge, für eine Körperpflege durch eine vertraute Person und vor allem für eine ausgewogene leckere Mahlzeit, die dem Körper das nötige Werkzeug liefert, um gesund zu werden.

 

Das Krankenhausessen alleine reicht nicht aus?

Eine gesunde und ausgewogene Ernährung ist nicht nur eine der treibenden Kräfte in der Prävention, sie ist auch essentiell in der Behandlung und Heilung von Krankheiten. 

Die Grundlagen und Benefits einer ausgewogenen Ernährung aufzuzählen würde hier zu weit führen. 

Im Krankenhaus liegen häufig Patienten mit chronischen Erkrankungen wie Diabetes Mellitus (Zuckerkranke), Morbus Crohn (chronisch entzündliche Darmerkrankung), Rheuma (entzündliche Gelenkerkrankung), Neurodermitis (entzündliche Hauterkrankung) und zahlreichen anderen Erkrankungen, die durch eine bedarfsgerechte Diät nachhaltig positiv beeinflusst werden können. 

Auch ein Patient nach einer OP hat einen gesteigerten Kalorienbedarf, besonders der Eiweißbedarf steigt für die Wundheilung. Laut einigen Quellen steigt der Kalorienbedarf im Anschluss an eine OP teils auf das Doppelte an. 

Ältere Menschen haben einen Eiweißbedarf wie Freizeitsportler. Eine gesunde Person mit einem durchschnittlichen Alltag, mit 61 kg, 1,66 m groß hat beispielsweise einen Kalorienbedarf von ca. 2.100 kcal (77 g Eiweiß / 68 g Fett / 282 g Kohlenhydrate). 

Für einen Zuckerkranken sieht das wieder anders aus. Eiweißreiche und ballaststoffreiche Kost ist hier besonders zu empfehlen. 

Laut einer Analyse des Deutschen Krankenhausinstituts von 2018 betragen die Kosten für Lebensmittel durchschnittlich 3,84 € pro Patient pro Tag … pro Tag! Ein belegtes Brötchen beim Bäcker am Bahnhof kostet heute oft mehr.

Wer die Nährstoffe eines gewöhnlichen Krankenhausessens pro Tag überschlägt, gelangt insgesamt auf ca. 1.200 kcal (43 g Eiweiß / 28 g Fett / 185 g Kohlenhydrate).

Die Zufuhr an Energie (KH, Fett) und Baustoffen (Proteine) reicht für unseren Körper also nicht mal im gesunden Zustand aus. Von weiteren Stoffen wie Mineralien, Vitaminen und sekundären Pflanzenstoffe ganz zu schweigen. Wie bereits angesprochen, muss die Nährstoffzufuhr also bestenfalls wieder von Zuhause unterstützt werden.

 

Vielen dank für den Einblick. Akut interessiert uns, inwiefern du die Überlastung der Intensivstation im Laufe der Corona-Pandemie spürst. 

Ich bin kein Intensivpfleger und maße mir daher nicht an zu sagen, wie genau es auf der Intensivstation aussieht. Seit ich im Krankenhaus arbeite, haben wir allerdings immer wieder Phasen, in denen die Intensivstation überlastet ist. In denen der Aufwachraum zur Überwachungsstation wird und Patienten zu früh auf die „Normalstation“ oder zu spät auf die Intensivstation verlegt werden. Ich bestreite nicht, dass Corona eine Herausforderung ist. Dennoch rufe ich euch auf, nicht Corona als alleinige Ursache für die Überlastung unserer Intensivstationen zu sehen! Wenn es Ursachen gibt, dann ist es unsere Lebensweise! 

Wir ernähren uns schnell und unterwegs, wir bewegen uns wenig und arbeiten 80 Stunden die Woche, um dem Leistungsdruck gerecht zu werden. 

Alle drei Minuten stirbt in Deutschland jemand an den Folgen von Zucker. Pro Jahr kommt es in Deutschland zu 10.000–20.000 Todesfällen durch in Krankenhäusern erworbene Infektionen. Diese beiden Ursachen alleine stellen bereits eine erhebliche Belastung des Gesundheitswesens und der Intensivstationen dar. Zudem leben wir in einer Zeit, in der wir darauf vertrauen, dass der Arzt uns schon helfen wird. Wir leben rücksichtslos auf Kosten unserer eigenen Gesundheit, weil wir doch sowieso aufgefangen werden. 

Ja, unsere Intensivstationen arbeiten am Limit, aber das haben sie bereits vor Corona getan. Das liegt daran, dass zu wenig Personal da ist. Durch die hohe Arbeitslast gibt es hohe Krankenstände. Die Pflegelücke wird dadurch weiter verschärft. Hinzu kommt die Ökonomisierung und Leistungsorientierung in den Krankenhäusern, also eine beabsichtigte möglichst hohe Auslastung aller Betten zu jeder Zeit.

 

Spürst du Auswirkungen durch Corona?

Die Maßnahmen bringen einen großen logistischen Aufwand mit sich. Hat der Patient einen negativen Test? Muss ich ihn Risiko isolieren? Müssen wir wieder „umschieben“? Haben wir schon alle Tests gemacht? Das erleichtert uns den Alltag nicht wirklich. Neulich habe ich eine Patientin mit Lungenentzündung bekommen. Sie hatte eine Maske auf … warum? Sie muss atmen! Das war jedoch nicht alles. Die Maske war voller Erbrochenem. Teils getrocknet. Aber Hauptsache, sie steckt niemanden an. Sie war negativ getestet …

Anfangs hatten wir auch das Problem, dass Menschen sich nicht mehr zu uns getraut haben. Sie kamen viel zu spät. So war der Schlaganfall oder Herzinfarkt bereits soweit fortgeschritten, dass die Intensivstationen wirklich zu kämpfen hatten – oft ohne Erfolg.

 

Wie bewertest du den Fortschritt der Medizin und die damit einhergehenden Benefits? 

Die Fortschritte der Medizin sind breit gefächert. Diagnostik, Therapie, Prävention und Rehabilitation gehen dabei Hand in Hand. Für viele Menschen ist Medizin ausschließlich die Therapie. Also oft die Tablette, mit der es mir wieder gut geht. Leider führt dies heute oft zum Problem der Polypharmazie. 

Wir wissen heute auch viel besser, was überhaupt behandelt werden muss, das führt zu einer deutlich effektiveren Therapieplanung – im Rahmen der ökonomischen Möglichkeiten.

Die anderen Schwerpunkte der Medizin werden dabei leider übersehen. Mit die wichtigste Säule der Fortschritte ist die Prävention, wir wissen immer genauer, wie wir Krankheiten verhüten können. Dadurch geht es den Menschen nicht nur nachhaltig besser als wenn sie sechs Tabletten für ihren Blutdruck, die Blutfettwerte und den Zucker brauchen. Flächendeckende Prävention führt sie zu einer Entlastung des Gesundheitswesens. Sie senkt die Kosten des Gesundheitswesens und vermindert die Flut an Patienten.

Ich bewerte die Fortschritte der Medizin und die damit einhergehenden Benefits als sehr gut und sehr hilfreich. Allerdings muss die Medizin ganzheitlich agieren. Und jeder einzelne ist gefragt!

 

Gibt es Konzepte, wie die Bedingungen für Pflegekräfte im Gesundheitswesen verbessert werden können?

Die Bedingungen sind nicht überall gleich. Die Art der Einrichtung und der Fachbereich sind wie zuvor erwähnt entscheidend. 

Es gibt diverse Möglichkeiten, die Bedingungen im Einzelnen zu verändern. Die ambulante Pflege wird beispielsweise durch das aus den Niederlanden stammende BUURTZORG-Modell versucht zu reformieren. Manche Pflegeeinrichtungen versuchen sich an einem Zwei-Schichtdienst-Modell, um mehr Planungssicherheit und weniger Dienstwechsel für die Angestellten zu erreichen. 

Die Politik versucht einen Wandel über das Pflegebudget und die Pflegepersonal-Untergrenzen. 

Gewerkschaften wie Ver.di versuchen stets, höhere Löhne durch neue Tarifverträge auszuhandeln. Strukturell alles sinnvolle Ansätze. Bisher haben sie jedoch nicht dazu geführt, dass es mehr Personal und weniger Patienten gibt. 

Attraktive Bedingungen wie flexible Arbeitszeiten, ausreichend Gehalt auch bei Teilzeit und sinkende Arbeitslast sind dann möglich, wenn wir mehr Personal haben. Heute wird oft mehr Gehalt gefordert, und die Pflegelücke würde sich von alleine schließen. 

Dem stimme ich zu, sofern ein Schließen der Pflegelücke gleichzeitig bedeutet, dass die Arbeitsbedingungen wie Arbeitslast und Arbeitszeit reduziert werden. Allerdings stellt sich auch hier die Frage: wer zahlt? Wir versuchen ohnehin, Kosten zu reduzieren. Mehr Personal mit gleichzeitig höheren Gehältern wirft weitere Fragen auf. 

Um die Bedingungen zu ändern, ist also eine ganzheitliche / holistische Reform des Gesundheitswesens notwendig. Dafür ist ein neues Denken notwendig. Neue Organisations- und Finanzierungsformen müssen geschaffen werden.

Veränderungen im Großen entstehen meist du Veränderung in kleinen. Wenn wir wirklich nachhaltig das System entlasten und reformieren wollen, muss jeder einzelne aktiv werden.

 

Was kann deiner Meinung nach der Einzelne konkret tun, um das Gesundheitssystem zu entlasten?

Wir alle wissen, dass der Staat keine unendlichen Ressourcen für die Bezahlung und Innovation des Gesundheitswesen hat. Wir wissen auch, dass das Verhältnis von Pflegebedürftigen zu Pflegenden oder Ärzten zunimmt (Pflegelücke, Landarztmangel). 

Entweder wir ergreifen alle Berufe im Gesundheitswesen, oder wir verändern im einzelnen in unserem Umkreis Kleinigkeiten, die große Auswirkungen haben können. 

Wir erleben einen Aufschwung des sekundären Gesundheitsmarktes (Fitness, Ernährung etc.). Ein essenzieller Gegentrend zu der westlichen Lebensweise. 

Was meine ich damit: Wir leben schnell, wir arbeiten viel und sind dabei unglücklich. Wir bewegen uns wenig, oft weniger je höher wir in unseren Berufen aufsteigen. Wir ernähren uns zwischendurch und sehen es oft als zusätzlichen Stress, die Nahrungsaufnahme in den Alltag zu integrieren. Unsere Freizeit ist immer mehr von Netflix & Co. sowie Social Media bestimmt. Vielen ist dies bewusst, und sie versuchen aktiv gegenzusteuern. Stress, Bewegungsmangel und Fehlernährung sind zentrale Risikofaktoren bei etlichen Erkrankungen. 

Um den primären Gesundheitsmarkt (Ärzte, Pfleger etc.) zu entlasten, ist also die Prävention jedes einzelnen Menschen extrem wichtig!

Wer sich bewegt und ein wenig auf die Ernährung achtet, ist schnell mit 60 noch im Körper eines 40-Jährigen! (= Lebensqualität, Krankheitsvermeidung, Kostensenkung für das Gesundheitssystem). 

Mögliche Schritte, um sich und das Gesundheitssystem zu entlasten sind:

  • Joggen anfangen. Ich selbst habe es gehasst, wurde aber schnell selbst zum sogenannten „Lauf-Propheten“. Schwimmen, Rudern, Fahrradfahren sind super Alternativen. 
  • Sportvereine, Sportgruppen und Fitnessstudios machen Bewegung zum Event und bringen sogar soziale Kontakte. 
  • Mit den Kindern im Park oder im Garten spielen tut der ganzen Familie gut. 
  • Manchmal sind Personal-Trainer, Berater oder Therapeuten sinnvoll, um den Startschuss zu setzen. 
  • Alternativen finden für eine einseitige Bäcker-lastige Ernährung bei der Arbeit. 
  • Versuchen auch im Alter den Eiweißbedarf zu decken. 
  • Neue Rezepte ausprobieren mit gesunden Fetten (Avocado, Fisch, Nüsse) und wenig Kohlenhydraten (zahlreiche Plattformen wie Paleo360.de bieten da eine tolle Auswahl!)
  • Immer wieder auf dem Markt frische Lebensmittel mit kurzen Zutatenlisten kaufen und zubereiten. 
  • Alkohol und Zigaretten reduzieren. Evtl. auch Süßigkeiten weglassen. Setzt gleich ungeahnte Kraftreserven frei. 
  • Evtl. den Medikamentenplan mit dem Arzt des Vertrauens kritisch hinterfragen und Auslassversuche unternehmen.  

Also unterm Strich achte auf dich, bleib gesund aber mach auch etwas dafür. Warte nicht auf den Bus, der dich immer überfahren könnte. Mach dir das Alter schön. Sei ein fitter Opa / eine fitte Oma.

Corona hat gezeigt, wie wichtig die Angehörigen für das Gesundheitswesen sind. Sie gehören an das Bett des Patienten.

Wir alle können für unsere Lieben da sein, ihnen bei der Körperpflege helfen. Ihnen Gesunde leckere Mahlzeiten bringen. Manchmal auch einfach nur zuhören, etwas vorlesen, eine Hand auflegen. Spazieren gehen oder sogar die Körperpflege durchführen. Essen anreichen und Medikamente geben. Das alles sind große Hilfen für die Pflegekräfte. So bleibt mehr Zeit für alle, die niemanden mehr haben. So bleibt mehr Zeit für gezielte Pflegeplanungen und Therapieangebote. Langfristig ist die Pflege unserer Bevölkerung nur flächendeckend zu gewährleisten, wenn wir uns ein Beispiel an so vielen nehmen, die sich um ihre Angehörigen kümmern. Beeindruckende Beispiele sind zum Beispiel zahlreiche türkische Familien, in denen die Familie an sich einen besonderen Stellenwert einnimmt. 

Wenn wir ein funktionierendes, entlastetes Gesundheitssystem wollen, müssen wir alle mit anpacken, wenn sich uns die Möglichkeit bietet. Selbst die Übernahme nur einer Körperpflege pro Woche im Krankenhaus sparen der Pflegekraft 30–60 Minuten, die an anderer Stelle dringend benötigt werden.

 

Ist die Versorgung der Menschen auch in Zukunft gewährleistet?

Davon gehe ich stark aus. Wir Menschen handeln meist, wenn wir das Problem selbst spüren. Wenn sich die Pflegelücke weiter vergrößert, immer mehr gefährliche Pflege zum Alltag gehört. Wenn wir sehen, wie unsere Lieben nur noch notdürftig behandelt werden können, werden wir aktiv. Automatisch wird es wieder normaler, wieder für seine Angehörigen zu sorgen und selbst Vorsorge zu betreiben, um nicht in selbst in eine solche Situation zu kommen. Es muss allerdings nicht so weit kommen. 

Ich sehe in den vergangenen Jahren immer mehr Menschen, die proaktiv werden und sich um die eigene Gesundheit sorgen.

Wir brauchen nicht in eine Dystopie der Triage, der Versicherung nach Risikofaktoren und einem maximalen Alter für eine Versorgung abzurutschen. 

Die Gesundheit ist wie das Leben und alles andere auf dieser Welt ganzheitlich zu sehen. Alles ist eins und einer ist alles. Das Gesundheitssystem besteht aus jedem Einzelnen von uns. Jeder Einzelne von uns kann proaktiv werden, kann unterstützen und eine Zukunft schaffen, in der wir gerne leben. Jeder Einzelne von uns ist wichtig. 

Zudem stimmt mich das steigende Bewusstsein der Thematik in der Bevölkerung, Politik und bei den Trägern der Einrichtungen optimistisch. 

Allen ist bewusst, dass wir Wandel brauchen, allein aus Selbsterhaltungstrieb. 

 

Vielen Dank für das Gespräch.

 
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*Name der Redaktion bekannt

© Titelbild: laura adai on Unsplash

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